Den Elfer verwandelt

Die Anspannung ist Präsident Peter Fechner (r.) und Aufsichtsratschef Lutz Petermann bei der Abstimmung ins Gesicht geschrieben. Foto: Peter Gercke

Fußball-Drittligist 1. FC Magdeburg hat seine Profimannschaft in eine eigene Kapitalgesellschaft ausgegliedert. Auf dem langen Weg dahin lag so mancher Stolperstein. Die Geschichte einer Wahl.

Ob es sich bei den kleinen weißen Wölkchen, die aufmerksame Beobachter an jenem Sonntagnachmittag über dem Magdeburger Elbauenpark haben aufsteigen sehen wollen, tatsächlich um Zeichen eines geneigten Fußballgottes handelte, sei einmal dahingestellt. Dennoch, drunten in der irdischen Welt der Messehalle 2, ereignete sich an diesem Tag zwar nichts Überirdisches, des Bemerkens wert war es aber allemal. Da passierte etwas, was, so überzogen es zunächst klingen mag, einmal in die Geschichtsbücher des Magdeburger Fußballs Eingang finden wird.
Dabei war die Sachlage auf den ersten Blick als ziemlich profan anzusehen. Ein Fußballklub, nämlich der heimische 1. FC Magdeburg, wollte über neue Strukturen innerhalb des Vereins und mithin über seine Zukunft abstimmen. Über nichts mehr und nichts weniger. Doch in einer Stadt (und folglich in einem  Verein), in der das Spiel mit der runden Kugel seit jeher fast in den Stand einer Religion erhoben wird, sind eben selbst gemeine Strukturveränderungen Glaubenssache. Und werden auch als solche behandelt. Eine Sache also, an der sich, so besagen es alte, aus Ostelbien überlieferte Prophezeiungen, die Geister scheiden. Die zudem für gehörigen Wirbel sorgt – vor und hinter den Kulissen. So geschehen in Magdeburg anno 2017.
Um zu verstehen, warum die Angelegenheit am Ende zu einer Schicksalsfrage hochkochte und die Vereinsführung sogar „von der wichtigsten Entscheidung der letzten 25 Jahre sprach“ (Manager Mario Kallnik), muss man ein wenig zurückschauen. Vereinfacht gesagt geht es um die Ausgliederung der Profimannschaft aus dem Verein und ihre Eingliederung in eine vereinseigene Kapitalgesellschaft. Um den Klub damit, lauten die Argumente der Befürworter, an die Bedingungen des Profifußballs des 21. Jahrhunderts anzupassen. So lange sich die Blau-Weißen in den Niederungen der vierten Liga bewegten und eher gegen Insolvenzen denn um den Aufstieg in die nächsthöhere Spielklasse kämpften, genügte als Organisationsform sicherlich der sogenannte e.V. - der eingetragene Verein.
Doch nun begab es sich, dass mit neuen Leuten an der Klubspitze nicht nur die Schuldenberge der Vergangenheit abgetragen wurden und generell ein frischer Wind einzog, mit einem Mal lag für den FCM sogar der Profifußball (Dritte Liga) in greifbarer Nähe. Schon seinerzeit war klar, dass sich vor diesem hehren Ziel, nach dem eine ganze Region seit mehr als zwei Jahrzehnten regelrecht dürstete, auf wirtschaftlicher Seite ein enormes Hindernis aufbaute: Einnahmen und Ausgaben befanden sich nicht in einer Hand. Die größten Ausgabeposten (Spielergehälter) lagen beim e.V., die Einnahmen (Sponsoren, Ticketverkäufe) bei der vereinseigenen Stadion- und Sportmarketinggesellschaft (SSG).
Das hatte u.a. steuerliche Nachteile. Selbst  wenn über konkrete Zahlen niemand so recht reden mag, liegt auf der Hand, dass dem FCM bei einem Gesamtetat von (geschätzt) zwischen fünf und sechs Millionen Euro und einem Steuersatz für die SSG von 30 Prozent jährlich eine sechsstellige Summe im Wortsinne durch die Lappen geht. Ein Luxus, den sich, nur mal nebenbei  bemerkt, kein mittelständisches Unternehmen leisten würde. Von den Multis, ohnehin Großmeister in der Steuervermeidung,  ganz zu schweigen.
Zweites Risiko: Vereine, die sich wirtschaftlich betätigen und mit Millionen hantieren, könnten den vorteilhaften Status der Gemeinnützigkeit verlieren. Damit haben die Finanzbehörden zwar bisher nur gedroht, es aber noch nie vollzogen. Trotzdem, genau das, der mögliche Verlust der Gemeinnützigkeit des Vereins, ist häufiges Argument für die Ausgliederung der Profimannschaften in Kapitalgesellschaften. So auch beim FCM. Ein weiteres Argument gegen den e.V.: Die Breitensportler stehen für die Schulden der Berufskicker gerade. Im Klartext: Wenn der Profiverein wegen überhöhter Spielergehälter in Insolvenz geht, haften auch die Amateur- bzw. Nachwuchsabteilungen. Und eben jene Ehrenamtlichen gegebenenfalls gleich mit, die gerade das Pech haben, in Führungsfunktionen zu stehen.
Da diese Gefahren beim FCM relativ schnell erkannt wurden, legte man 2015 den Mitgliedern einen Antrag zur Ausgliederung der Profis vor. Geschickt verhielt man sich dabei jedoch nicht, wie Aufsichtsratsmitglied Rolf Oesterhoff („ein glückloser Anlauf“) bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung an jenem  19. Februar 2017 einräumte. Den Mitgliedern wurde das damalige Modell als quasi „alternativlos“ präsentiert. Die Quittung: Die Jungs von der Tribüne fühlten sich übergangen, sie machten, wie zuweilen die Muskeln ihrer Stars, zu - der Vorschlag wurde still und heimlich einkassiert.
Als Fundamentalkritiker einer Ausgliederung verstanden sich von Anfang an die Ultras vom Block U in der MDCC-Arena. Als Gegner jeder Art von Kommerzialisierung lehnen sie diesen Schritt ohne Wenn und Aber ab. Sie fürchten einen Identitätsverlust und eine spätere Machtübernahme im Klub durch auswärtige Investoren. Der FCM sei „ein besonderer Verein“, heißt es in einem wenige Tage vor der Abstimmung herausgegebenen Verweigerungs-Flugblatt, „und das soll auch so bleiben, denn wir wollen uns von der Masse abheben“.
Nicht nur das. Die Ehrlichkeit gebietet es festzuhalten: Bei allen Verdiensten der Ultras um die einzigartige Stimmung in der Magdeburger Arena, hier war ein Machtkampf im Gange, frei nach dem Motto: Ihr da oben, wir hier unten. Nur das vermag die Fundamentalopposition zu erklären. Denn überzeugende Argumente kontra den genannten Gefahren bei einer Nichtausgliederung waren kaum zu vernehmen. Hinzu kommt, sportlichen Erfolg wollen die Ultra („Wir sind die Größten der Welt“) schon, wo das nötige Geld herkommt, interessiert allerdings offenbar nicht.
Dabei setzt sich hierzulande immer mehr die Erkenntnis durch, dass an einer Ausgliederung der Berufsspieler kaum noch ein Weg vorbeiführt. Andere Sportarten wie Basketball und Handball sind da weit voraus. Alle 18 Handball-Bundesligisten haben eine eigene Spielbetriebs-Gesellschaft oder sind ausgegliedert. Beim SCM arbeitet die Handball Magdeburg GmbH seit mehr als 15 Jahren komplett eigenständig. Bei den Kickern hat man inzwischen selbst bei Schalke 04, bisher so etwas wie eherner Gralshüter des Vereinsgedankens, erkannt, dass wahrscheinlich umgedacht werden muss . Schalkes Finanzvorstand Peter Peters hat es für die Königsblauen treffend so formuliert: „Eingetragener Verein bleiben, kein Trainingslager in Katar zu machen, Gazprom (Hauptsponsor, d. Red.) wegzuschicken, Logenvermarktung aufzugeben und gleichzeitig beim nächsten Mal gegen Real Madrid gewinnen, das funktioniert nicht."
Nun, aus dem missglückten ersten Ausgliederungsversuch hatte die Magdeburger Klubführung offenbar ihre Lehren gezogen. Es wurde eine neue Arbeitsgruppe installiert, in der auch die Ultras zu Wort kamen und die auf eine größtmögliche Transparenz setzte. Fast eineinhalb Jahre saß man zusammen. Das wichtigste Ergebnis: Der neue Antrag kam Skeptikern und Fußball-Romantikern in vielen Fragen entgegen. Oesterhoff: „Wir haben auch Argumente der Ultras berücksichtigt.“ Er kenne keinen Verein, fügte er hinzu, bei dem die Mitglieder heute so viel Einfluss besitzen wie beim 1.FC Magdeburg. Ein Beispiel dafür sei, dass sich mögliche Investoren auch künftig  einer 75-Prozent-Sperrminorität in der Mitgliederversammlung gegenübersehen. Oesterhoff: „Ihnen wird nicht Tür und Tor geöffnet.“  Beifall auf offener Szene. Für den Beobachter blieb hängen:  Ein mitgliederfreundlicheres Modell einer Ausgliederung kann es kaum geben.
Und dann schlug die Stunde von Präsident Peter Fechner. Im Stile eines römischen Volkstribuns wandte sich der 62-Jährige an die Mitglieder – und traf mit seinen Worten genau deren Befindlichkeit, deren Stimmung: „Unser Verein ist einzigartig, weil wir uns vertrauen. Wir haben es geschafft, Millionen Altschulden abzubauen. Es darf nie wieder passieren, dass unser Logo jemanden anders gehört als uns. Selbst wenn finanziell mal etwas schiefgeht, muss unserer FCM weiter existieren.“ Geballte Fäuste als Zeichen der Zustimmung, bei einigen meinte man sogar ein paar verstohlene Tränen zu sehen.
Was danach passierte, war wohl so von niemandem einkalkuliert worden. Als Aufsichtsratschef Lutz Petermann die Diskussion eröffnen wollte, blieb es mucksmäuschenstill. Keine Hand der 1519 stimmberechtigten Mitglieder ging nach oben. Petermann leicht irritiert: „Das überrascht mich schon.“ Selbst die Ultras schwiegen. In der folgenden Dreiviertelstunde, während die Stimmen abgegeben und gezählt wurden, war die Spannung in der Halle geradezu mit Händen zu greifen: Reicht es für die erforderlichen 75 Prozent Zustimmung zum Ausgliederungsantrag? Zumal man wusste, Block U würde nahezu geschlossen dagegen stimmen. Deren Zahl unter den stimmberechtigten Mitgliedern schätzten Kenner auf zwischen 350 und 400. Es versprach verdammt eng zu werden …
Es stand in diesen Minuten in der Tat viel mehr auf dem Spiel als nur der schnöde Gewinn einer Wahl. Natürlich gingen bei einem Negativ-Votum, das hatten die Macher zuvor immer wieder betont, beim FCM nicht die Lampen aus. Aber die Pläne einer sportlichen Weiterentwicklung, verbunden mit einem möglichen Aufstieg in Liga zwei, würden um Jahre zurückgeworfen. Das war allen irgendwie klar, und genau das fürchteten die meisten. „Es ist wie bei einem Elfmeter“, meinte ein Präside, „geht er rein oder nicht.“
Als dann, nach schier endlosem Warten, Petermann das Ergebnis verkündete, gingen seine Worte im Beifallssturm unter. Mancher fühlte sich zurückversetzt an die berühmte Genscher-Rede im Herbst 1989 in der Prager Botschaft: „Ich bin heute zu ihnen gekommen, um ihnen mitzuteilen, dass …“ 80,7 Prozent stimmten dem Vorschlag des Präsidiums zu. Ab  1. Juli wird somit die Profi-Abteilung in die „1. FC Magdeburg Spielbetrieb GmbH“ ausgegliedert. Grenzenloser Jubel, während viele der Ultras stumm und enttäuscht den Saal verließen. Ihre Reaktion wird möglicherweise beim nächsten Heimspiel zu sehen sein. Unterdessen standen Fans auf den Stühlen, irgendwo im Saal wurde die oft gehörte Singsang-Arie angestimmt: „Fußballklub Magdeburg, 1.FCM.“
In der Stunde des Triumphs war es erneut Präsident Fechner, der sich, von den eigenen Gefühlen gepackt, an die Gegner der Umwandlung wandte: „Auch sie gehören zum FCM. Ohne sie wären wir nicht das, was wir heute sind. Sie sollen uns jetzt an unseren Taten messen. Wir gehören zusammen und deshalb sind wir als 1. FC Magdeburg einzigartig.“ Ein Finale nicht nur der großen Emotionen - sondern ebenso mit Stil. Rudi Bartlitz


Kompakt

Der 1. FC Magdeburg wurde am 22. Dezember 1965 gegründet. Er ging aus der damaligen Fußballabteilung des SC Magdeburg hervor. Zuvor war 1957 die Fußballabteilung von Motor Mitte zum SC Aufbau Magdeburg gewechselt, der im Juli 1965 den Namen SC Magdeburg erhielt. Den größten Erfolg feierte der Verein mit dem Gewinn des Europapokals der Pokalsieger 1974. Im Endspiel in Rotterdam wurde am 8. Mai unter Trainer Heinz Krügel der AC Mailand mit 2:0 besiegt. Dreimal - 1972, 1974 und 1975 – holten sich die Spieler aus Magdeburg den DDR-Meistertitel. Zwischen den Jahren 1964 und 1983 stand der Klub siebenmal im Finale des FDGB-Pokals und gewann alle Endspiele. Der Klub spielt derzeit in der dritten Bundesliga (Aufstieg 2015). Er hat heute 4282 Mitglieder (Stand Februar 2017).

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