Langsamer Leser: Ferchttß enk nit

Ja, die Kirche hat dieser Tage viel Geld in die Hand genommen und ein Ereignis gefeiert, das vor einem halben Jahrtausend nicht nur die Kirche entscheidend, sondern auch die Welt verändert hat. Wobei nicht genau auszumachen ist, wer wann welchen Anteil an dieser Bewegung hatte, ob es sie nicht ohne die damaligen bekannten Köpfe auf jeden Fall doch gegeben hätte. Aber darüber zu spekulieren, ist müßig. Das geschichtliche Ereignis hat so stattgefunden, alle anderen in der Folge ebenfalls: Der Schmalkaldische, der Dreißigjährige Krieg, die Vertreibung der Hugenotten. Eine endlos lange Aufzählung könnte folgen. Ebenso endlos wäre die Aufzählung der segensreichen Anstöße, die die Reformation der Gesellschaft gab. Bildung für alle war vordem nicht notwendig. Erst jetzt, seit ein Herr Luther die Bibel ins Deutsche übersetzt hatte und damit nachprüfbar war, ob der Herr Pfarrer tatsächlich „richtig“ predigte oder die Gemeinde verdummte, musste auch der Schuhmacher, der Gerber, der Landmann lesen können. Diese Bildungsoffensive, geboren aus Glauben, krempelte die Gesellschaft um, stieß die Tür zu neuen Denkwelten auf, zu technischen Innovationen und so weiter. Und eine andere Aufgabe blieb jetzt der Bürgergemeine: Der Gemeine Kasten, aus dem Fördermittel gegen soziale Ungerechtigkeit gezahlt werden konnten. Soziale Gerechtigkeit wurde ein wesentlicher Punkt einer funktionierenden Gemeinschaft. Man kann es auch Solidarität nennen. Dieses wunderbare Wort scheint heute nicht mehr ganz so verbrannt wie 1989. Wohl, weil man nach 1991, nach der Implosion der Sowjetunion, genügend Zeit hatte, es schmerzlich zu vermissen. In der Gesellschaft der neoliberalistischen Optimierer hatte der Begriff der Solidarität wenig Platz.
Nun leben wir in einer merkwürdigen Zwischenzeit. Noch gibt es Kirchen, zum Kirchentag sogar eindrucksvoll personell untersetzt. Im Alltag sterbeln sie so vor sich hin. In Luthers Provinzstadt am Ende der zivilisierten Welt, in Wittenberg, halten mal gerade 12 Prozent evangelische Christen das christliche Abendland über Wasser. Ich möchte gar nicht wissen, wieviel von den 12 Prozent kirchlich aktiv sind. Es ist, könnte man meinen, eine aussterbende Spezies, diese kleine Schar der Glaubenden. Dann gibt es solche Überlebenszeichen wie Kirchentage, Luther-Musicals. Man schaut kurz auf. Dann ist es wieder ruhig. Das christliche Abendland gedeiht in der Petry-Schale, wächst im Gauland an den Straßenrändern oder lauert in der Höcke.
Und man fragt sich: Das Geld, das die Kirche in die Hand genommen hat, war das gut angelegt? Muss die Kirche Politikern aller Couleur ein Wahlkampfpodium schaffen? Erinnert sich nicht mancher, dass das Kirchenvolk einst zu den Bibelarbeiten von Jörg Zink geströmt ist, meinetwegen auch zu den Beiträgen von Walter Jens? Ja, das Geld stammte auch aus Steuerzahlergeldern. Will sagen, da hat sich der Bürger Politiker seine Bühne zurückgeholt. Aber hatte er etwas zu sagen? Oder sie? Also Wegweisendes zu unseren obigen Themen. Oder war es mehr Selbstdarstellung? Und wird es nicht peinlich, wenn man auf die Ausgewogenheit, dass alle Parteien gerecht verteilt ihren Auftritt haben, mehr achten muss, als auf die Inhalte? Ich will nicht wissen, wofür Martinus von Würselen in seinem Wahlkampf steht (womit man ihn ja überfordern würde), sondern welche Perspektiven er im Blick auf die beiden obigen Themen für die nächsten Jahre aufzeigen kann. Und zwar mit seiner Partei im Rücken und nicht ständig mit einem Messer in demselben. Nicht minder lauwarm blieb die Starrunde unterhalb des Brandenburger Tores, pardon, aber das geht im Wahljahr ganz und gar nicht, oder habe ich etwas verpasst? Ist die Fortsetzung der Reformation, dass die Evangelische Kirche sich zum Kanzlerwahlverein, auch wenn Kanzler eine Frau ist, und das ein Fortschritt undsoweiter, degradieren lässt. Rückt das Brandenburger Tor an die Stelle der Lutherrose?
Ach ja, und diese rotgerahmte Wochenzeitschrift, die ihren Lesern den Spiegel vorhält, hat natürlich eine wichtige Anmerkung: Wieso zahlt der Steuerzahler bei einem Kirchentag mit, obgleich wir doch ein laizistisches Land sind? Ich würde sagen, da sind wir wieder beim christlichen Abendland: Hör mal, wenn Du soviel Wert darauf legst, dass Du ganz unbedingt nichts mit diesem Verein zu tun haben willst, warum machst Du dann am Sonntag Feiertag statt zu schaffen? Warum legst Du überhaupt Wert auf Urlaub? Aus welchem Grunde gehst Du Weihnachten, Ostern, Pfingsten nicht zur Arbeit? Der 1. Mai und der 3. Oktober reichen doch zur Erholung. Und dann möchten wir Lizenzgebühren für die Jugendweihe, deren Verlauf schlicht von der Konfirmation kopiert wurde, für die Rituale in der Trauerhalle, ganz zu schweigen von den Musiken der Herren Bach, Buxtehude, Lloyd-Webber und was weiß ich noch von wem und, merkwürdig, da geht plötzlich das christliche Abendland wie eine Sonne über demselben auf. War da doch etwas? Nein, ist da doch etwas? Nein, könnte da ein Samenkörnchen sein?
Ja, merkwürdig. Vielleicht ist das der Sinn solcher Kirchentage, weil ihn manchmal Dinge überdecken, die nur aus dem ersten Rang in den zweiten oder dritten geschickt werden müssten, dass das Bild wieder stimmt, vielleicht ist das eben doch der Sinn, dass man eine Momentaufnahme gewinnt, die Leben gewiss macht, wo man es sich eigentlich nur noch erhofft hat. Die Kirche lebt. Kürzlich saßen wir in einer Runde Studierender und mein Nachbar erzählte, dass ihn die Rufe des Muezzins in Istanbul genervt hätten, hier in Deutschland ihm aber das Läuten der Glocken genau so auf den Geist ginge. Und ich sagte: Mir würden sie fehlen, die Glocken. Und an den Muezzin könnte ich mich vielleicht gewöhnen. Er schaute mich erstaunt an. Ja, ich glaube das. Manche Dinge, wie Glocke und Glaube, vermisst man erst, wenn sie nicht mehr existent sind. Ihre Lebendigkeit darf sich aber nicht auf Kirchentage beschränken. Kirche muss in der gesellschaftlichen Diskussion wieder eine evidentere Rolle spielen. Sie muss beispielsweise der Kriegstreiberei eines Herrn Trump ein deutliches Widerwort entgegenhalten, um unseren Politikern den Rücken zu stärken: Widersteht! Und den Kirchen, muss man es ihnen etwa wieder ins Gedächtnis rufen? Seid unverzagt. Oder, wie hat’s der langsame Leser kürzlich auf gut bayrisch im 5. Buch Mose im Kapitel 31 den 6. Vers gelesen? „Kopf eyn d Hoeh; und bleibtß tapfer! Ferchttß enk nit, und zieghtß nit glei önn Schwanz ein, wenn s angreiffend; denn dyr Herr, dein Got, tricht mit dir mit. Er laasst di nit aus und verlaasst di nity.“ Also, frischauf! Es ist keine gute Zeit, um den täglichen Trott zu leben. Ludwig Schumann

Zurück